„Das ist nicht mein Sohn“, soll Erzherzogin Sophie entsetzt ausgerufen haben, als man den Sarg Kaiser Maximilians im Jahre 1868 vor ihren Augen ein letztes Mal öffnete. Die Überfahrt von Mexiko zurück nach Europa hatte an die sechs Wochen gedauert, der Überführung waren zudem monatelange, zähe Verhandlungen mit der nun ausgerufenen Republik Mexiko vorangegangen. Die sterblichen Überreste des einstigen Kaisers von Mexiko waren noch in der Stadt Querétaro einbalsamiert worden, doch hatte die Qualität dieser traurigen Arbeit mehr als zu wünschen übriggelassen. Tatsächlich existiert noch heute ein Foto, welches den bedauernswerten Zustand des toten Erzherzogs, der 1864 ausgezogen war, Kaiser in einem fremden Land zu werden, mehr als eindringlich beschreibt. Angeblich habe man zum Zeitpunkt der Einbalsamierung keine blauen Glasaugen finden können, wodurch man letztlich auf schwarze zurückgriff. Während des Transports soll es durch einen Unfall zu Schäden an der Leiche gekommen sein, die man nur notdürftig reparierte. Zudem soll sich einer der beiden mit dieser Aufgabe betreuten Ärzte Haarsträhnen des Verstorbenen bemächtigt haben, die als Souvenirs gutes Geld versprachen.1
Jene letzte Öffnung des Sarges in Wien vor dem Begräbnis in der Kapuzinergruft diente der Identifizierung des Toten durch die Familie – und wurde zum Schreckensmoment. Erzherzogin Sophie, die ihren Sohn 1864 mit rührenden Worten verabschiedet hatte, sollte sich von diesem Schock nie mehr vollständig erholen. Das „mexikanische Abenteuer“, wie der Versuch des Aufbaus eines mexikanischen Kaiserreichs unter europäischer Kontrolle bereits im 19. Jahrhundert genannt wurde, hatte sich zum Desaster entwickelt.
Erzherzog Ferdinand Max, geboren am 6. Juli 1832 in Schloss Schönbrunn, galt seinem um zwei Jahre älteren Bruder Franz Joseph schon in frühen Jahren als Konkurrent in so manche Hinsicht. Zu bedenken ist, dass Franz Joseph als Anwärter auf den kaiserlichen Thron Habsburgs von Beginn an eine andere, eine strengere Erziehung zu absolvieren hatte als seine jüngeren Geschwister. Trotzdem dürfte Ferdinand Max mit seinem gewinnenden Wesen schon in Kindertagen die Herzen der Familie erobert haben und in späteren Jahren durch sein charismatisches Auftreten aufgefallen sein.
Ein von Pragmatismus und Lerneifer gezeichnetes Kind war Maximilian wohl kaum. Noch vorhandene Aussagen seiner Lehrer zeigen recht deutlich, dass ihm die Disziplin und die Ausdauer seines älteren Bruders im Studium fehlte. Dafür neigte er zur Entwicklung eigenständiger Ideen und Theorien, selbst wenn sich manche als undurchführbare Luftschlösser entpuppen sollten. 2
Neben seinem Engagement in der österreichischen Kriegsmarine, welches tatsächlich Früchte trug und sich in sinnvollen Reformen und Neustrukturierungen niederschlug, ist seine Position als Generalgouverneur in Lombardo-Venetien von 1857-1859 zu nennen, eine Stellung, die Maximilian auf Geheiß Kaiser Franz Josephs annahm, und welche aufgrund der schwierigen inneren Lage schon bald als äußerst problematisch anzusehen war. Ob Franz Joseph seinen jüngeren Bruder aus persönlichen Gründen in diese unruhigen Provinzen versetzte, oder der Kaiser in dem liberalen Erzherzog tatsächlich eine politische Möglichkeit zu erkennen schien, Lombardo-Venetien zu beruhigen, darf dahingestellt bleiben. In dem, 1859 letztlich kriegerischen Ringen um den Verbleib dieser Provinzen bei Österreich, verlor Maximilian schließlich all seine Befugnisse und Möglichkeiten, wurde von Kaiser Franz Joseph praktisch über Nacht entmachtet und so einer schweren Demütigung durch seinen Bruder ausgesetzt. Offiziell war Maximilian an seiner Aufgabe gescheitert. Er verwand diese Krise unter anderem durch eine Seereise nach Brasilien, wissenschaftliche Studien und das Halten von Distanz zu Österreich und Kaiser Franz Joseph über mehrere Monate hinweg. 3
Die Ereignisse in Lombardo-Venetien können als Vorgeschmack auf Maximilians Ambitionen in Mexiko gesehen werden, doch dürfte sein Wunsch, aus dem Schatten seines Bruders treten zu können, trotz der gewaltigen Risiken durchaus noch angefacht worden sein.
Eine nebulöse, kaum als ausgereifte Idee zu nennende Vorstellung, im fernen Mexiko ein Kaiserreich zu schaffen, lässt sich in Maximilians Umfeld ab dem Jahre 1861 finden. Vorangetrieben durch Kaiser Napoleon III., seine Frau Eugenie, sowie einer Gruppe konservativer, überwiegend im französischen Exil lebender Mexikaner, nimmt die Ambition, ein zweites mexikanisches Kaiserreich zu gründen, jedoch zunehmend Gestalt an. Es dürfte kaum einen Zweifel geben, dass Erzherzog Ferdinand Max dieser Idee grundsätzlich offen gegenüberstand, doch stellte er für eine Zusage durchaus Bedingungen an Napoleon III. und verlangte Sicherheiten. Ihm schlicht grenzenlose Naivität zu unterstellen ist an dieser Stelle wohl ebenso wenig angebracht wie die bis heute zu findende Aussage, dass seine aus Belgien stammende, überambitionierte Frau Charlotte ihn maßlos zur Annahme der mexikanischen Krone gedrängt hätte. Vorhandene Quellen legen durchaus nahe, dass Maximilian selbst durch falsche Versprechungen, haltlose Erzählungen, Schwärmereien und letztlich durch ein geradezu betrügerisches Vorgehen Napoleons III. in Mexiko vor falsche Tatsachen gestellt wurde. 4
Tatsächlich hatten sich weder die großen, europäischen Seemächte, noch das Volk Mexikos zu einer Einführung der Monarchie in Mexiko positiv geäußert, wie Maximilian es gefordert hatte. Mit dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs und dem Erstarken der USA an der nördlichen Grenze Mexikos erwuchs dem, ab 1864 regierenden Kaiser zudem ein überaus mächtiger, republikanischer Feind. Napoleons Ambitionen, über den Umweg eines mexikanischen Marionettenkaisers verstärkt wirtschaftlichen und politischen Zugriff auf Mexiko zu erhalten, zerbrachen spätestens 1865. Mit dem Rückzug der französischen Truppen, Maximilians einziger Stütze in dem nicht enden wollenden Bürgerkrieg, stand der Habsburger rasch auf verlorenem Posten. Letzte Versuche, eine mexikanische Nationalarmee zu schaffen, scheiterten, der Kaiser von Mexiko wurde in der Stadt Querétaro festgesetzt und auf Befehl Benito Juarez, des legitimen republikanischen Präsidenten, standrechtlich erschossen. 5
Kaiserin Charlotte, die noch 1866 persönlich versucht hatte bei Napoleon III. und im Vatikan Hilfe für ihren bedrängten Gemahl zu erhalten, verfiel im Zuge dieser Reise zunehmend dem Wahnsinn. Sie beschloss ihre Tage geistig umnachtet 1927 in Belgien.